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Nachlese Jahresveranstaltung

Die Eine Welt und die offene Gesellschaft

Jahresveranstaltung der Stiftung Nord-Süd-Brücken widmete sich entwicklungspolitischen Beiträgen gegen die »Finsternis von rechts«

Eine (welt)offene Gesellschaft ist kein Selbstläufer. Wahlerfolge nationalistischer und chauvinistischer Parteien, die auf den Kopf gestellte Debatte um Flucht und Migration und der islamistische Terror und seine Folgen werfen Fragen auch in der entwicklungspolitischen Zivilgesellschaft auf: Was ist unsere Antwort, unsere Vision einer Gesellschaft, die wir der religiösen und säkularen »Finsternis von rechts« entgegensetzen? Warum ist die (welt)offene Gesellschaft notwendig? Diesen Fragen wurde bei der diesjährigen Jahresveranstaltung der Stiftung Nord-Süd-Brücken am 30. Juni nachgegangen. Rund 70 VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen, FreundInnen der Stiftung und interessierte Einzelpersonen kamen im Robert-Havemann-Saal des Hauses der Demokratie und Menschenrechte zusammen.

Anetta Kahane, die Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, setzte sich mit den Grundzügen der offenen Gesellschaft auseinander. Die Eckpfeiler einer offenen Gesellschaft sind laut Frau Kahane eine demokratische Grundordnung, wechselnde parlamentarische Mehrheiten sowie die Annahme, dass alle Menschen gleichwertig sind. Hinzu kämen die Achtung des Persönlichkeitsrechts und eine starke Zivilgesellschaft. Ein weiterer wichtiger Aspekt der offenen Gesellschaft sei außerdem die Diskurs- und Diskussionsfähigkeit, da die Streit- und Demokratiekultur in Deutschland nicht ausgeprägt sei.

In der nachfolgenden Diskussionsrunde ging es um die Frage, welche Beiträge die Entwicklungspolitik zu einer (welt)offenen Gesellschaft leisten kann? Andreas Rosen von der Stiftung Nord-Süd-Brücken fragte die Diskutanten, ob die entwicklungspolitische Bildungsarbeit zu unpolitisch, zu bequem sei und dadurch nur eine geringe Reichweite habe und in der Debatte um die weltoffene Gesellschaft nicht gehört würde?

Abdou Rahime Diallo, Eine-Welt Promotor in Brandenburg, stimmte dieser These zu. Er findet, dass Deutschland in den vergangenen Jahren nicht unbedingt eine (welt)offenere Gesellschaft geworden sei. Entwicklungspolitik sei ihm unter anderem auch zu unpolitisch, da zu wenig der Kolonialismus und seine Folgen thematisiert würden.

Dr. Reinhard Hermle, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Nord-Süd-Brücken, hielt dagegen, dass schon viel erreicht wurde und dass es nicht an Engagement mangele, sondern das Problem darin liege, dass Entwicklungspolitik nicht ressortübergreifend betrieben werde.

Gesamtpolitisch habe Entwicklungspolitik noch nicht genug Bedeutung. Dies erwecke den Eindruck, dass Entwicklungspolitik zu bequem und unpolitisch sei. Für ihn sind »Treiber von Veränderungen (...) neue Einflüsse, offene Gesellschaften sind nicht immer bequem (...) sie sind auch anstrengend«.

Stephan Lockl vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat den Eindruck, dass die Zivilgesellschaft sehr viel bewegt und nicht darauf wartet, eingeladen zu werden. Er sieht aber auch den Aspekt, dass Entwicklungspolitik im Bewusstsein der Bevölkerung noch nicht weit verbreitet ist und mehr Vernetzung zu anderen Politikfeldern geschaffen werden müsste, um eine größere Reichweite zu erlangen.

Alexis Schwartz, Eine-Welt-Promotor in Mecklenburg-Vorpommern, ist der Meinung, dass man die offene Gesellschaft fördert, indem man schon in Schulen und Kindergärten mit entwicklungspolitischer Bildungsarbeit ansetzt. Dadurch wird ein breiter Teil der Bevölkerung für diese Themen sensibilisiert. Auch Austauschprogramme sollten unterstützt werden. Besonders wichtig sei auch, dass man auf Menschen zugeht, die nicht derselben Meinung sind und dass man dadurch aus seiner Nische herauskommt.

Am Ende einer Diskussion mit starker Publikumsbeteiligung wurde offensichtlich, dass die Entwicklungspolitik erst am Anfang steht, ihre Potenziale in Form von Bildungsmodulen, Mediationstechnik und interkulturellen Kompetenzen zum Wohle einer offeneren Gesellschaft zu nutzen.

Dieser Artikel erschien im Neuen Deutschland am 4. Juli 2017

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